Psychologe, Psychiater, Psychotherapeut? Ein Überblick über die „Psychoberufe“

Psycho-was? Ein Überblick über die "Psychoberufe"

Psycho- was? Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich selbst zu Beginn meines Psychologiestudiums noch verwirrt war, von den verschiedenen Psychoberufen. Psychologe, Psychiater, Psychotherapeut? Wer darf was und wer macht in der Praxis was? Wo kann man da arbeiten und an wen soll man sich mit verschiedenen Problemen wenden? Diese Fragen, deren Antworten für mich heute sonnenklar und gar nicht so schwierig sind, werden mir immer wieder gestellt.

Deswegen möchte ich euch einen Überblick über diese Berufe geben und erklären wie die Situation in Österreich und Deutschland aussieht.

Wortherkunft

  • Psyche bedeutet Seele
  • -loge bedeutet „Kundiger, Forscher, Wissenschaftler“, ein Psychologe ist also jemand, der sich wissenschaftlich mit der Psyche des Menschen auseinandersetzt
  • -therapeia bedeutet „behandeln, heilen, dienen“, ein Psychotherapeut ist somit jemand der psychische Störungen behandelt
  • -iatros bedeutet „Arzt“, ein Psychiater ist also ein Arzt, der versucht psychische Störungen zu behandeln

Psychos in Österreich

PsychologInnen

Psychologe ist man, wenn man entweder ein Diplomstudium oder ein Bachelor- und Masterstudium der Psychologie absolviert hat. Mittlerweile gibt es in Österreich an den Unis nur mehr das Bachelor- und Mastersystem. Die Mindeststudienzeit für den Bachelor beträgt drei Jahre und für den Master zwei Jahre.

Im Bachelor lernt man viel Theorie zu Bereichen wie Entwicklungspsychologie, Neurologie, Sozialpsychologie und Bildungs- und Wirtschaftspsychologie. Außerdem lernt und übt man viel im Bereich Statistik. Im Masterstudium kann man sich dann auf einen Bereich spezialisieren und absolviert vertiefende Seminare in seinem Bereich. Mein Schwerpunkt hieß „Gesundheit, Entwicklung und Förderung“ und kann dem Bereich der Klinischen und Gesundheitspsychologie zugeordnet werden. Ich habe beispielsweise Seminare zu ADHS und zur Psychodermatologie belegt. Es gibt auch Masterschwerpunkte in den Bereichen Wirtschaft, Bildung und Arbeit oder Forschung und Neuropsychologie.

Mit einem Studienabschluss in Psychologie darf man nur beratend, aber nicht behandelnd tätig sein, weswegen die meisten Psychologen nach dem Studium noch weitere Ausbildungen absolvieren.

Klinische PsychologInnen

Bei den meisten Psychologenstellen wird eine postgraduelle Ausbildung zum Klinischen Psychologen gefordert, denn diese Ausbildung berechtigt einen Diagnosen zu stellen und psychische Störungen zu behandeln.

Die Ausbildung umfasst einen theoretischen und einen praktischen Teil. In insgesamt 340 Theorieeinheiten lernt man in Wochenendseminaren Methoden zum praktischen Arbeiten sowie Wissen zu verschiedenen Bereichen der Klinischen Psychologie und rechtliche Hintergründe. Der praktische Teil besteht aus 2098 Stunden praktischer Arbeit. Man arbeitet also bei einer 40 Stundenwoche für ca. 15 Monate in einer oder mehreren Einrichtungen. Dabei muss in dieser Einrichtung ein Arzt arbeiten, es sollten auch andere Berufsgruppen vertreten sein, man muss mit verschiedenen Altersgruppen arbeiten und sowohl diagnostisch als auch behandelnd tätig sein.

Dazu kommt dann noch, dass man begleitend zur Praxis 120 Einheiten Fallsupervision und 76 Einheiten Selbsterfahrung absolvieren muss. Bei Ersterem redet man also mit einer erfahrenen Psychologin über seine Fälle, bei Zweiterem begibt man sich quasi selbst in Therapie.

Als Klinische Psychologin ist man berechtigt Diagnosen zu erstellen und Experte darin, psychologisch-diagnostische Tests anzuwenden und auszuwerten. Man untersucht beispielsweise Kinder mit Lern- oder Entwicklungsstörungen und stellt Diagnosen wie ADHS, Autismus oder Legasthenie. Dafür werden verschiedenste Tests, Fragebögen, Verhaltensbeobachtung und Gespräche mit den Kindern und den Eltern eingesetzt. Bei Erwachsenen werden, ebenfalls mithilfe verschiedenster Mittel, Diagnosen wie Depression, Angststörungen oder Schizophrenie gestellt. Bei älteren Personen ist die Demenzdiagnostik ein wichtiges Feld.

Wenn man also wissen möchte, was mit sich oder seinem Kind los ist, kann man sich eine Überweisung vom Hausarzt holen (oder die Diagnostik selbst bezahlen) und sich einen Termin für eine Diagnostik beim Klinischen Psychologen ausmachen. Der schreibt dann, nach einer ausführlichen Testung, einen Befund und spricht Empfehlungen aus, welche Behandlungen bei wem sinnvoll sein könnten.

Die Behandlung kann unter anderem die Klinische Psychologin selbst durchführen. Dabei bedient sie sich verschiedenster Methoden von unterschiedlichen Psychotherapierichtungen. Wichtig ist, dass die Methoden evidenzbasiert sind, d.h. es muss Studien geben, die die Wirksamkeit der Behandlung beweisen.

Klinische Psychologen findet man in privaten Praxen, in Krankenhäusern sowohl auf den neurologischen und psychiatrischen Abteilungen, als auch auf den allgemeinen Stationen, in Kur- und Rehazentren und in vielen Beratungseinrichtungen. Außerdem arbeiten Klinische Psychologinnen auch in der Forschung. Je nach Weiterbildung findet man Psychologen und Klinische Psychologinnen auch an Schulen, in der Verkehrspsychologie und in den Bereichen Arbeit und Organisation, Sport oder Gesundheit.

PsychotherapeutInnen

Um Psychotherapeut zu werden, muss man in Österreich eine lange Ausbildung absolvieren. Ein Psychologiestudium ist dafür keine Voraussetzung. Es gibt 23 anerkannte Psychotherapierichtungen, die man in vier Gruppen zusammenfassen kann. Diese sind tiefenpsychologisch-psychodynamische, humanistisch-existenzielle, systemische und verhaltenstherapeutisch orientierte Therapierichtungen.

Begonnen wir die Ausbildung mit dem sogenannten psychotherapeutischen Propädeutikum. Teilnehmen darf man ab 18 Jahren, wenn man Matura oder einen gleichwertigen Schulabschluss, ein Diplom des Krankenpflegedienstes oder des medizinisch-technischen Dienstes oder eine Sondergenehmigung hat. In 765 Stunden Theorie lernt man überblicksmäßig die verschiedenen psychotherapeutischen Schulen kennen und setzt sich mit Themen aus der Psychologie, der Sozialwissenschaft und der Forschung auseinander. Außerdem müssen 480 Stunden Praktikum im psychosozialen Feld mit 20 Stunden begleitender Supervision absolviert werden.

Nach dem Propädeutikum muss man sich für eine Therapierichtung entscheiden und das psychotherapeutische Fachspezifikum absolvieren. Dafür muss man mindestens 24 Jahre alt sein, einen von 12 Quellberufen gelernt haben oder um eine Sondergenehmigung ansuchen. Quellberufe haben zum Beispiel Psychologen, Medizinerinnen oder Lehrer an höheren Schulen. Was genau das Fachspezifikum umfasst, unterscheidet sich von Therapierichtung zu Therapierichtung. Im Allgemeinen setzt es sich aber zusammen aus einem Theorieteil (mind. 500 Stunden) sowie Praktika, Selbsterfahrung und Supervision (insgesamt mind. 3000 Stunden). Psychotherapeuten dürfen ebenso wie Klinische Psychologen Diagnosen vergeben. In der Praxis machen das in Krankenhäusern und anderen Einrichtungen meist die Psychologinnen, da sie darin viel umfassender ausgebildet sind. Auch in freier Praxis arbeitende Psychotherapeutinnen schicken ihre Klienten für eine ausführliche Diagnostik teilweise zum Psychologen. Oft ist so eine Testdiagnostik aber für ein gutes Arbeiten mit den Klienten nicht unbedingt notwendig, da man ja prinzipiell den Menschen und nicht die Diagnose behandelt.

Man kann also auch ohne Umweg durch die Diagnostik direkt zum Klinischen Psychologen oder zur Psychotherapeutin gehen. Das macht zum Beispiel Sinn, wenn man berufliche Probleme, Depressionen oder Ängste hat und eine Leistungsdiagnostik mit Aufmerksamkeits- oder Intelligenztests wenig bringen würde. Je nach Problem kann eine andere Psychotherapierichtung sinnvoll sein.

PsychiaterInnen

Psychiater sind Ärzte, die nach ihrem Medizinstudium ihre Ausbildung zum Facharzt im Fach Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin absolvieren. Sie dürfen, im Gegensatz zu Psychologinnen oder Psychotherapeuten Medikamente, sogenannte Psychopharmaka, verschreiben. 

Im Krankenhaus arbeitet der Psychiater direkt auf der Station mit den Patientinnen, behält den Überblick, bestimmt eine mögliche Medikation, redet mit den Patienten während der Visite und schlägt dann Behandlungen beim Klinischen Psychologen, bei der Psychotherapeutin oder bei anderen Berufsgruppen wie der Ergotherapie vor.

In freier Praxis bieten Psychiaterinnen Diagnostik, psychotherapeutische Behandlung und eben medikamentöse Behandlung an.

Klingt ja doch alles irgendwie ähnlich oder?

So unterschiedlich die Ausbildungswege sind, zwischen den drei Berufsgruppen gibt es doch sehr viele Überschneidungen. Dabei hat jeder hat sein Spezialgebiet. Bei den Psychiaterinnen ist das die Psychopharmakologie, bei den Klinischen Psychologen die Diagnostik und eine eher auf einen kürzeren Zeitraum ausgelegte, lösungsfokussierte Behandlung und beim Psychotherapeuten eben seine jeweilige Fachrichtung und meist eine eher längerfristig angelegte Behandlung.

Psychos in Deutschland

Das Psychologiestudium in Deutschland unterscheidet sich nicht wesentlich vom Studium in Österreich. Die Weiterbildung zum Klinischen Psychologen gibt es nicht. Es gibt mehrere Möglichkeiten in Deutschland die Bezeichnung „Psychotherapeut“ tragen zu dürfen. Als Voraussetzung muss man dafür in jedem Fall entweder Psychologin oder Arzt sein.

Als Psychologin absolviert man nach dem Studium die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten, welche in etwa drei bis fünf Jahre dauert. Je nach Bildungseinrichtung werden entweder mehrere wissenschaftlich anerkannte Psychotherapierichtung gelehrt oder es gibt einen Schwerpunkt auf eine Richtung. Nach der Ausbildung darf der Psychologische Psychotherapeut, genau wie die Psychotherapeutinnen und Klinischen Psychologen in Österreich, Diagnosen stellen und psychische Störungen behandeln.

Als Arzt hat man die Möglichkeit auf verschiedenen Wegen Ärztlicher Psychotherapeut zu werden. Bei den Facharztrichtungen „Psychiatrie und Psychotherapie“, „psychosomatische Medizin und Psychotherapie“ und „Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie“ erwerben die Ärzte ihre Berechtigung während der fünfjährigen Facharztausbildung. Andere Facharztgruppen können nach Abschluss ihres Facharztes Weiterbildungen machen und die Zusatzbezeichnung „fachgebundene Psychotherapie“ führen. Schwerpunkt der Ärztlichen Psychotherapeuten liegt auf dem Miteinbeziehen von somatischen Ursachen psychischer Störungen und dem Verschreiben von Psychopharmaka.

Psychotherapeutisch tätig darf man auch als Heilpraktiker sein, sich dann aber eben nicht „Psychotherapeut“ nennen. Heilpraktiker dürfen auch nicht wissenschaftlich anerkannter Psychotherapieverfahren anwenden.

In Deutschland gibt es nur fünf wissenschaftlich anerkannte Psychotherapierichtungen von denen momentan nur bei drei davon eine Kostenerstattung durch die Krankenkasse möglich ist. Dabei handelt es sich um die Verhaltenstherapie, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die analytische Psychotherapie. Auch anerkannt sind mittlerweile die Gesprächspsychotherapie und die systemische Therapie.

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Puh, was für ein langer Text. Ich hoffe ich konnte ein bisschen Licht ins Dunkel bringen. Wenn ihr noch Fragen habt, schreibt sie gerne unten in die Kommentare!

Überblick über die "Psychoberufe": Psychologe, Psychiater, Psychotherapeut

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